Die Debüt-Single „Speech“ – Zu dumm für die Nächstenliebe?

Die Debüt-Single „Speech“ – Kontraste in den Lyrics
7. Oktober 2017
Das Musikvideo zur Debüt-Single „Speech“
14. Oktober 2017
 
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Zu dumm für die Nächstenliebe?


Das musikalische Fundament sowie der Text zu "Speech" wurden 2015 in einer einzigen Oktobernacht geschrieben. Der Anlass war ein Charity-Event, bei dem Grazia Sposito als Akt auftreten sollte, und der Arbeitsauftrag an Grazias Songwriter Team lautete: Schreibt einen Song über Freundschaft. In jenem Herbst zogen auch die ersten Flüchtlinge in die Wolfsburger Turnhallen ein, während die Spannungen zwischen den Fürsprechern und den Gegnern in der Stadt wuchsen. Dies veranlasste den Komponisten C beyond Plan B und die Textdichterin Meira Benrim dazu, das Wort "Charity" (zu Deutsch: Nächstenliebe) wörtlich zu nehmen und den Begriff "Freundschaft" auszuweiten auf die Freundschaft zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Ländern, auf die Freundschaft zwischen Fremden und sogar zwischen Feinden. Das Lied wurde jedoch vom Veranstalter des Charity-Events abgelehnt mit der Begründung, der Text könne den Intellekt der Gäste überstrapazieren oder jene, die ihn verstehen, vor den Kopf stoßen.

Ist dies wirklich so? Meira Benrim bezweifelt das und erklärt:
"Beim Schreiben des Songtextes hat mich ein ganz simpler Satz aus meiner Kindheit inspiriert, der von meinem Onkel stammt. Er war ein Pastor, der von Hans Küng und seiner Welt Ethos-Idee (Kein Weltfriede ohne Religionsfriede) sehr geprägt war. Als ich ein Kind war, betete er häufig mit mir. Diese Gebete dehnte ich oftmals unendlich aus, da ich versuchte, alle Menschen aufzuzählen, für die ich mir Gottes Schutz wünschte. So lehrte er mich schließlich diese abschließende Gebetsformel:

„Lieber Gott, behüte alle Menschen, die ich liebe und die ich nicht liebe, weil ich sie nicht kenne.“

Er hat mir also bereits damals in einfachen, kindgerechten Worten das Prinzip der Nächstenliebe erklärt, die in ihrer äußersten Form in der Feindesliebe mündet. In den Worten des Dalai Lama klingt das so:

„Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe.“

Für uns sind Feinde die Menschen, in denen wir eine Gefährdung unseres eigenen Weltbildes sehen, das von unserer Erziehung, unserer Kultur und unserem Glauben geprägt ist. Vielleicht fühlen wir uns bedroht, weil wir selber nicht in der Lage sind, andere Menschen vor dem Hintergrund ihrer Lebensumstände und ihrer Geschichte zu betrachten. Aber für unser Unvermögen können die Anderen doch nichts. Mein Onkel war ein sanftmütiger Mensch, der andere stets dazu ermutigte, ein „weites Herz“ zu haben. Wenn Menschen sich anmaßten, sich über Andersgläubige zu erheben, sagte er nur:

“Der menschliche Verstand ist viel zu begrenzt, um Gottes Gedanken zu erfassen. Er ist daher überhaupt nicht in der Lage, darüber zu urteilen, wer vor Gott gerecht wird oder nicht. Im Übrigen liegt das auch nicht im Aufgabenbereich des Menschen. Wir sind nicht auf dieser Welt, um unsere Mitmenschen zu verteufeln.“

Ich denke, man unterschätzt die Menschen, wenn man glaubt, Konsumenten von Popsongs bräuchten ausschließlich leichtverdauchliche Musik mit leichtverdaulichen Texten. Die in „Speech“ thematisierte Feindesliebe ist kein abstrakter theologischer Begriff, der über der Alltagswirklichkeit schwebt. Ein einfacher Mensch, in dessen Brust ein Herz schlägt, vermag zu verstehen, dass Milde, Barmherzigkeit, Vergebung und Mitgefühl das Bindgeglied zwischen uns und den anderen ist. Gegenüber den Mitmenschen kein Mitgefühl zu haben, ist gegen die menschliche Natur. Mein Onkel sagte immer: „Wir Menschen sind auf dieser Welt, um einander zu tragen“.

Wenn schon ein Kind imstande ist, diese Zusammenhänge zu begreifen, warum also sollte es für einen Erwachsenen nicht möglich sein? Offensichtlich muss man auch nicht übermäßig verstandesbegabt sein, um die Weltsicht der Populisten und der Fundamentalisten nachvollziehen oder gar übernehmen zu können. Wer in der Lage ist, andere Menschen gedanklich auszuschließen, ist auch in der Lage, andere Menschen gedanklich miteinzubeziehen. Beides erfordert tatsächlich das gleiche geringe Maß an intellektueller Anstrengung,"
so verteidigt Meira Benrim die Hörerschaft.

Dass wir Menschen uns dennoch eher für die „Wir gegen die anderen – Haltung“ entscheiden, liegt wahrscheinlich an unseren eigenen Unsicherheiten und der Annahme, sich über die Zugehörigkeit einer kleinen Gruppe definieren zu können, verliehe uns Sicherheit. Wäre dann aber das Sicherheitsgefühl bei einer „Wir alle gemeinsam, weil wir Gemeinsamkeiten teilen – Haltung“ nicht umso größer?

Die Mainstream-Reaktion auf eine solche Haltung ist, diese als naive Sicht auf die Welt abzutun. Die Wahrheit ist aber, dass Menschen wie Hans Küng nach jahrelangem Studium der Weltreligionen den empirischen Befund dafür lieferten, dass alle Religionen verbunden sind durch eine gemeinsame ethische Basis, auf welcher ein friedlicher interreligiöser und interkultureller Dialog sehr wohl gedeihen kann. Und der Dialog hat ja vielerorts bereits begonnen. Grazia Sposito fügt hinzu:
„Wer sich nach dem Release mit dem Video zu „Speech“ befasst und es bis zum Ende ansieht, wird bemerken, dass wir versucht haben, auf möglichst viele Weltreligionen zu verweisen. Die Naturreligionen und die an humanistischen Werten orientieren Atheisten sind auch mitinbegriffen",
erklärt Grazia.
"Es geht uns bei "Speech" allerdings nicht darum, für eine Patchwork-Religion (Vermischung von Religionen) Reklame zu machen! Wir möchten lediglich zu einer gegenseitigen Achtung ermutigen und den Blick auf die ethischen Standards lenken, die alle Glaubensrichtungen verbinden."
Speech als Debüt-Song zu wählen, erscheint nun noch mutiger als auf den ersten Blick gedacht, weil das Lied so persönlich ist und von Grazia Sposito abverlangt, sich vom ersten Moment an von ihrer sensibelsten Seite zu zeigen.
"Tatsächlich befürchtete ich, dass einige Aufnahme-Takes gar nicht verwendet werden können, da mir beim Singen zu Beginn ständig die Tränen kamen",
verrät Grazia.
"Ich bin jetzt aber so glücklich darüber, dass "Speech" nun endlich fertig ist. Das Lied hat eine lange Reise hinter sich. Es ist mit jedem von uns durch viele Prozesse gegangen und wir alle sind in unseren individuellen Arbeitsbereichen sowie als Privatpersonen ein Stück mit diesem Lied gereift. Lange Zeit bekam ich zu dem Lied gar keinen Zugang. Wahrscheinlich war ich blockiert, weil ich Angst hatte, von dem Weltschmerz übermannt zu werden, den der Song triggern könnte. Damals lief das Lied noch unter dem Arbeitstitel „Say, what is love“, weil diese Frage so oft wiederholt wird. Aber dann war uns das doch zu banal und wir haben uns für "Speech" als aus unserer Sicht treffenderen Titel entschieden."

Grazia, say what is love?

Was denn Liebe sei, lautet die abschließende Frage an Grazia Sposito.
"Da es in meinem Debüt-Song nicht um die romantische Liebe geht, sondern um die Gottesliebe und um die altruistische Liebe, würde ich die Frage so beantworten: Gott ist die Liebe und diese Liebe gilt für jeden Menschen, denn er hat jeden einzelnen von uns erschaffen. Gottes Liebe umfasst die gesamte Menschheit, das heißt natürlich auch die Leute, die wir persönlich nicht leiden können. Gottes Liebe schließt niemanden aus, ob es uns passt oder nicht. Eine unter den Menschen aktiv gelebte Feindesliebe ist demnäch die logische Konsequenz."
Lyrics
Verse 1
What is a home when no one's at home?
What is a house when it's empty now?

Verse 2
What is a garden when flowers fail to bloom?
What's the use of free time when you've nothing to do?

Chorus 1
What is youth when you feel too old?
Say, what is truth when it's not being told?
What is a great mind with high walls around it?
Say, what is love if it doesn't include your enemies?

Refrain
And what is a heart when it doesn´t beat?

Verse 3
A list to be checked with many must-gets,
while the list of must-gives just gets lost in the head.

Verse 4
What’s a life lesson that hasn’t been learned?
What’s a stance without substance? No action, just words?

Chorus 2
What is acceptance if it’s only for those
who agree to your worldview, who won’t oppose?
What is a bridge for that leads to your ego?
Say, what is love if it doesn't include your enemies?

Refrain
And what is a heart when it doesn’t beat?

Bridge
Say, what is love? Say, what is love if it doesn't include enemies?

Chorus 3
What is faith not shown by deeds?
Do we speak of devoutness if it starts and it ends
with the use of prayer beads?
What is religion if it causes division?
Say, what is love if it doesn't include your enemies?

Coda
And what is your heart when it doesn´t beat?
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